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Bundesministerium für Bildung und Forschung

Projekt "How much is the dish?" im Interview - Wahre Preise im Supermarkt für mehr Biodiversität in der Landwirtschaft

Das Projekt „How much is the dish" will wahre Lebensmittelpreise in die Supermarktregale und ins Bewusstsein der Menschen bringen. Warum True Cost Accounting der Biodiversität hilft und wie das gelingen kann, verrät Amelie Michalke von der Universität Greifswald im Interview.

In der Fördermaßnahme BiodiWert forschen Forschungsverbünde zu den Ursachen des ungebremsten Verlustes von Biodiversität und entwickeln innovative Ansätze zur Erhaltung. Im Fokus steht dabei die Wertschätzung von Biodiversität und Ökosystemleistungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Insgesamt 17 Projekte starteten im Dezember 2021 in die zweite Förderphase. "How much is the dish?" ist eins davon und beschäftigt sich mit Preiswahrheit (True Cost Accounting) bei Lebensmitteln für mehr Biodiversität in der Landwirtschaft.

 

INTERVIEW

Sie haben für Ihr Projekt den Titel „How much is the dish?" ausgewählt, HoMaBiLe ist die Abkürzung dafür. Was genau steckt dahinter?

Wir wollten einen Titel wählen, der im Kopf bleibt. So kam uns der Titel eines Songs der deutschen Musikgruppe Scooter in den Sinn („How much is the fish"), welchen wir für unsere Zwecke umgemünzt haben. „Wie viel kostet das Essen/das Gericht?" – genau darum geht es in unserem Projekt. Wir möchten darstellen, welche versteckten Kosten der Gesellschaft durch die Produktion von Lebensmitteln entstehen. Treibhausgase, reaktiver Stickstoff, Landnutzungsänderungen: All das gefährdet die Biodiversität, aber weder der Produzent noch der Konsument kommen dafür monetär auf. Der Titel unseres Projekts ist schon vor einigen Jahren mit dem Start unserer Forschung zu den negativen Auswirkungen landwirtschaftlicher Produktion auf die Biodiversität entstanden. "HoMaBiLe" ist das Kürzel für „How much is the dish?" – Maßnahmen zur Erhöhung der Biodiversität durch True Cost Accounting bei Lebensmitteln".

Welchen Beitrag kann das Projekt zum Schutz von Biodiversität liefern?

Mit einer monetären Bewertung von Umweltfolgekosten würden bestimmte Lebensmittel, vor allem jene, die negative Auswirkungen auf die Biodiversität während ihrer Produktion haben, teurer werden. Die These hinter unserem Ansatz ist, dass sich Konsumentinnen und Konsumenten auf Basis der neuen und „wahren" Marktpreise vermehrt für biodiversitätsschonende, günstigere Lebensmittel entscheiden würden. Die genaue Berechnung der Umweltfolgekosten und die Überprüfung der beschriebenen These sind Inhalte unserer Forschungsarbeiten. Des Weiteren leisten wir gemeinsam mit unseren Praxispartnerinnen und -partnern Bildungsarbeit bezüglich biodiversitätsmindernder Umweltfolgekosten mit öffentlichkeitswirksamen Events und Aktionen, auch in Bildungsstätten.

Mit wem arbeiten Sie zusammen?

Unser Verbundpartner ist die Tollwood GmbH. Tollwood richtet zweimal im Jahr ein Kultur- und Umwelt-Festival in München aus mit jährlich über eine Million Gäste. Hierbei stehen neben Events, wie Konzerten, vor allem derzeitige globale Umweltproblematiken auf dem interaktiven Programm. So bringen wir auch HoMaBiLe innerhalb des Festivals an die breite Öffentlichkeit – beispielsweise mit dem HoMaBiLe-Bistro, in dem Speisen zu wahren Preisen „serviert" werden mit Infomaterial rund um die Forschung. Darüber hinaus engagiert sich Tollwood innerhalb des Projekts „Bio für Kinder" für nachhaltige Speiseplangestaltung in Münchener Kinder- und Tagesstätten. Hierfür binden wir Forschungsergebnisse in den Entwurf nachhaltiger Außer-Haus-Verpflegung ein.

Ein weiterer assoziierter Praxispartner ist Penny Deutschland. Gemeinsam mit dem Discounter bringen wir neben den aktuellen Preisschildern die von uns ermittelten „wahren Lebensmittelpreise" in die Supermarktregale und erforschen die Kaufreaktion der Kundinnen und Kunden. Zusammen entwickeln wir auch Informationsmaterial, um den Einkaufenden den Hintergrund dieser Preise zu erklären.

Wie kommunizieren Sie Ihre Forschungsergebnisse?

In wöchentlichen Besprechungen tauschen wir uns mit der Tollwood GmbH über Ereignisse und Fortschritte unserer Forschung sowie über Öffentlichkeitsarbeit aus. Wir greifen auf ein gemeinsames Netzwerk an Presse-, Politik- und Praxiskontakten zurück und sind so auch in der Außenwirkung eng verzahnt.
Außerdem sind Forschungsarbeit und Bildungsarbeit eng verknüpft und wir bemühen uns um niedrigschwellige Kommunikation in alle Richtungen. Zum Beispiel haben wir gemeinsam mit dem Bayrischen Rundfunk im Sommer 2021 eine Podcast-Reihe zum Thema „Wahre Lebensmittelpreise" aufgenommen. Hierfür haben unsere Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis Rede und Antwort gestanden. Unsere Forschungsergebnisse transportieren wir natürlich auch in die Branche, z.B. auf dem REWE Nachhaltigkeitstag oder bald auf dem Food Safety Kongress 2022.

Was erhoffen Sie sich von dem Projekt? Was muss passieren, dass Sie am Ende sagen: „Dieses Projekt war erfolgreich"?

Wir erhoffen uns zunächst größere Akzeptanz und Verständnis bezüglich landwirtschaftlicher Folgekosten und deren Auswirkungen auf die Biodiversität und damit auf die Gesellschaft. Wir hoffen den Diskurs dieser drängenden Problematik weiter anzutreiben und mitzugestalten, zum Beispiel mit der Entwicklung von Medienmaterial. Unser Ziel: Die Grundlagen müssten nicht mehr in jedem Zeitungsartikel erklärt werden, sondern gehörten zur Allgemeinbildung, ähnlich wie beim Begriff des Klimawandels. Wir sind gespannt, ob sich veränderte Konsumtrends bei Kundinnen und Kunden der Penny-Märkte zeigen werden.
Außerdem möchten wir die junge Generation innerhalb des Teilprojekts „Bio für Kinder" möglichst früh für das Thema sensibilisieren. Wir erhoffen uns davon auch Veränderungen im Konsumverhalten und im Verständnis für nachhaltige Ernährung in den Kinder- und Tagesstätten.
Zudem wollen wir den politischen Diskurs vorantreiben. Unsere Ergebnisse sollen in die politische Beratung eingehen. Politisch Verantwortliche sollen sich gezielt mit den „wahren Lebensmittelpreisen" auseinandersetzen können und über geeignete Maßnahmen der Internalisierung von Umweltfolgekosten diskutieren. Letztlich ist natürlich mittelfristig eine tatsächliche Umsetzung solcher Maßnahmen der größte denkbare Erfolg; in der nur dreijährigen Projektlaufzeit soll ein konkreter Plan für den Weg dorthin entwickelt werden.

 

Zur Nachricht des BMBFs. 


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